„Der Trend, online Weiterbildungsangebote wahrzunehmen, wird sich weiter verstärken“ Steffen Pollmer von der IHK München und Oberpfalz im Interview

15 Stunden umfasst die jährliche Weiterbildungspflicht gem. der IDD.

Anfang 2018 trat die Versicherungsvertriebsrichtline (IDD – Insurance Distribution Directive) in Kraft. Wie hat sich die IDD bewährt? Welche positiven Effekte können Kunden sowie auch Vermittler selbst aus der Richtlinie ziehen? Warum braucht es überhaupt eine gesetzlich geregelte Weiterbildungspflicht und wohin geht der Trend für die Zukunft?

Steffen Pollmer, stellvertretender Leiter des Referats Gewerberecht, Ausländerrecht, Finanzdienstleitungs- und Versicherungswirtschaft bei der IHK München und Oberbayern zieht in unserem Interview ein Fazit. 


Die IDD trat am 23. Februar 2018 in Kraft. Wie gut vorbereitet waren die Vermittler auf die Richtlinie und wie wurden die Regelungen angenommen? 

Überwiegend waren die Vermittler gut auf die Neuregelungen vorbreitet. Der ein oder andere Vermittler hat die neuen Regelungen auch erst einmal abgewartet. 

Was hat sich durch die IDD für den Kunden zum Positiven verändert? 

Die Versicherungsvertriebsrichtlinie („IDD“) zielt auf eine Verbesserung des Verbraucherschutzes ab. Daher finden sich auch entsprechende Regelungen (z. B. strengere Wohlverhaltenspflichten, Beratungspflichten, erweiterte Erstinformationspflichten zu Prämie und Vergütung, Beschwerdemanagement) in den deutschen Regelungen. Es bleibt abzuwarten, wie sich diese Vorgaben in der täglichen Praxis auswirken. 

Versicherungsvermittler haben der IDD vor allem hinsichtlich eines erhöhten bürokratischen Aufwandes skeptisch entgegengeblickt. Wie aber profitieren Vermittler von der Durchführung der Richtlinie? 

In der Branche dürfte die IDD tatsächlich zu einem erhöhten Aufwand geführt haben. An manchen Stellen wurden aber auch Klarstellungen (z. B. Definition der Vertriebstätigkeit nach § 1a Absatz 1 Satz 2 VVG ) eingeführt, die zu mehr Rechtssicherheit führen können. 

Die IDD schreibt für Vermittler und deren Mitarbeiter jährlich eine Weiterbildungspflicht von 15 Stunden vor. Erachten Sie diesen Umfang als sinnvoll? 

Die Pflicht zur Weiterbildung ist keine spezielle Regel ausschließlich für Versicherungsvermittler. Weiterbildungspflichten gibt es auch in anderen Branchen. Für die Frage, ob eine Weiterbildung sinnvoll ist, sind die Inhalte der Weiterbildung entscheidend. 

Warum bedarf es einer gesetzlich festgelegten Weiterbildungspflicht? 

Mit der gesetzlich festgelegten Weiterbildungspflicht wurde die Vorgabe des Artikels 10 Absatz 2 der Richtlinie (EU) 2016/97 des Europäischen Parlaments und des Rates vom 20. Januar 2016 über Versicherungsvertrieb („IDD“) in deutsches Recht umgesetzt. Eine freiwillig absolvierte Weiterbildung wäre grundsätzlich vorzugswürdig gewesen. Nur wer sich aus freien Stücken ständig weiterbildet und sich auf den aktuellen Stand hält, wird letztendlich die steigenden Anforderungen im Versicherungsbereich meistern können. 

Was passiert, wenn ein Vermittler der Weiterbildungspflicht nicht nachkommt? 

Wenn sich jemand nicht, nicht richtig, nicht vollständig oder nicht rechtzeitig weiterbildet, ist das eine Ordnungswidrigkeit. Dann kann ein Bußgeld bis zu 5.000 Euro drohen (§ 144 Absatz 2 Nummer 7c, Absatz 4 GewO). Daneben gibt es Ordnungswidrigkeiten in der Versicherungsvermittlungsverordnung. Ein Beispiel ist, wenn die Anordnungen zur Erklärung über die Erfüllung der Weiterbildungspflicht nicht beachtet oder Nachweise zur Weiterbildung nicht ordnungsgemäß aufbewahrt werden (§ 26 Absatz 1 Nummer 1 und 2 VersVermV i. V. m. § 144 Absatz 2 Nummer 1b, Absatz GewO). Bei solchen Verstößen kann ein Bußgeld in einer Höhe von bis zu 3.000 Euro verhängt werden. 

Was muss eine Weiterbildung beinhalten, um anerkannt zu werden? 

Es gibt keine staatliche Zertifizierung von Weiterbildungsträgern. Der Weiterbildungsträger oder der Anbieter muss in eigener Verantwortung sicherstellen, dass die Maßnahme hinreichend geplant und systematisch organisiert ist. Auch die Qualifikation des Referenten vor Ort muss der Träger oder Anbieter gewährleisten. Inhaltlich kann sich der betroffene Gewerbetreibende an Themen mit Bezug zur Versicherungsvermittlung und –Beratung oder den in Anlage 1 der VersVermV genannten Themen orientieren. Es können natürlich auch Themen außerhalb der Verordnung berücksichtigt werden, sofern sie fachlich einschlägig sind und im Kundeninteresse liegen. 
Bei der Suche nach der richtigen Weiterbildungsmaßnahme können folgende Hinweise sehr hilfreich sein:

  • Ist die Weiterbildungsmaßnahme nachvollziehbar beschrieben?
  • Gibt es eine Ablaufplanung?
  • Erhalten die Teilnehmer im Vorfeld die erforderlichen Informationen beziehungsweise eine Einladung mit einer Beschreibung der Weiterbildungsmaßnahme?
  • Verfügt der Referent über die notwendige Qualifikation und Fachkompetenz? 

Wie hat sich die Bedeutung von Weiterbildungen gerade in der Versicherungsbranche in den letzten Jahren verändert? 

Unserer Einschätzung nach spielt die Digitalisierung mit ihren abzusichernden Risiken, wie zum Beispiel Cyberversicherungen, eine größere Rolle. Der Vermittlung der erforderlichen Kenntnisse kommt eine wichtige Bedeutung zu. Die Vermittler müssen für die komplexeren Rahmenbedingungen, wie beispielsweise der Datenschutzgrundverordnung, über viele, unterschiedlichste Kenntnisse verfügen. Das erhöht auch die täglichen Anforderungen an den Vermittler.

Durch die Ausbreitung des Coronavirus gehen viele Arbeitnehmer ihrer Tätigkeit derzeit aus dem Homeoffice nach. Verändert dies auch die Art, wie Weiterbildungen durchgeführt werden? Kann die Entwicklung künftig zu einem verstärkten Angebot an online Weiterbildungsveranstaltungen führen? 

Wie auch in anderen Branchen und Wirtschaftszweigen wird die Coronakrise sicherlich auch bei den Versicherungsvermittlern zu einem Schub bei der Digitalisierung führen. Es ist davon auszugehen, dass sich der Trend, Online-Angebote im Versicherungsbereich in Anspruch zu nehmen, weiter verstärken wird. Ein Beispiel dafür sind Webinare. 

IDD, Versicherungsvertriebsrichtlinie, Weiterbildung